Kompetenzbereiche: Krisenmanagement
Johannes Müller

Billige Kredite an unprofitable Unternehmen sind gefährlich

von Carsten Müller

Wenn Kunden nicht zahlen: Forderungsausfälle versichern – Liquidität sicherstellen

Die momentanen Minizinsen haben für die Wirtschaft weitreichende Folgen. Allerdings keine guten: Viele schwache Unternehmen bleiben am Markt, obwohl die wirtschaftliche Tragfähigkeit schon gar nicht mehr gegeben ist. Dementsprechend sinkt die Zahl der Unternehmensinsolvenzen immer weiter. Angeschlagene Firmen, die vor der Finanzkrise von Banken und Investoren kein Geld erhalten hätten, bekommen jetzt Kredite und werden so künstlich am Markt gehalten. Doch genau für diese Unternehmen ist es auch eine Chance. Wenn sie die Krise beim Schopf packen und die günstige Zinslage nutzen, um sich für die Zukunft strategisch neu aufzustellen, um wieder in die Gewinnzone zu gelangen, haben alle Seiten etwas davon.
 

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Gefährliche Entwicklung - sowohl für die Wirtschaft als auch für gesunde Unternehmen

Ein solches Szenario kommt in der Regel nicht von Ungefähr. Stattdessen kündigt sich eine Unternehmenskrise - zum Beispiel durch eine häufig stockende Fertigung, durch eine Verfehlung von Umsatzzielen oder auch durch das Schwinden von Liquiditätspolstern - immer an. Doch trotz der mitunter deutlichen Indizien erkennen die  Entscheidungsträger in einem Unternehmen oftmals die Krisensituation nicht. Hier geht wertvolle Zeit für ein nachhaltiges Krisenmanagement verloren. Diese interne Verkennung von Krisensituationen kann existenzbedrohende Folgen nach sich ziehen. Das Insolvenzverfahren wird eröffnet, das Leistungsportfolio wird reduziert, Kunden wenden sich vom Unternehmen ab und Arbeitsplätze werden abgebaut. Sendet die finanzierende Bank letztendlich Berater zur Krisenbewältigung aus, ist es meistens schon zu spät.


So einfach kamen schwache Unternehmen noch nie an einen Kredit

Mancher Finanzchef wird sich momentan wie im Schlaraffenland vorkommen. Die Banken reißen sich quasi darum, Unternehmenskredite mit gewissen Risiko zu vergeben. In der Finanzwelt haben sich die Zeiten und Vorzeichen drastisch geändert. Geld ist schließlich im Überfluss da, seit die Zentralbanken immer neue Milliarden in die Kapitalmärkte pumpen. Milliarden, die dann aber auch sofort wieder irgendwohin müssen. Das Problem dabei: Festgeldkonten oder beispielsweise auch Bundesanleihen bringen keine Rendite mehr. Anleihen oder Firmenkredite mit gewissem Risiko dagegen schon eher.

„Wenn marode Unternehmen billige Kredite erhalten, ist nur das Symptom gemildert, nicht aber die Ursache behoben."


Die Zombies sind unter uns: Nicht tragfähige Unternehmen bleiben am Markt

Zombies nennt die OECD (Organisation for Economic Cooperation and Development) in einem Arbeitspapier1 Unternehmen, die trotz einer höheren Zinsschuld als ausgewiesene Gewinne günstige Kredite bekommen. Diese Zombie-Unternehmen setzen dabei quasi die Selbstregulierungskräfte der Marktwirtschaft außer Kraft. Denn eine wesentliche Funktion des Marktes ist es, explizit zu entscheiden, welche Methoden und Ideen wirtschaftlich tragfähig sind. Wird diese Auslese dann behindert oder sogar blockiert, hat dies negative  Auswirkungen auf die gesamte Dynamik der Wirtschaft. Das Prinzip "Nur die Starken überleben" wird hier bewusst umgangen. Dies ist gefährlich, denn in einem marktwirtschaftlichen System wird ein Teil der Unternehmen fortwährend durch Newcomer bzw. Startups ersetzt.

 

Ressourcen werden an den falschen Stellen gebunden

Ineffiziente Unternehmen, die vielleicht sogar am Rande der Existenz arbeiten, sind mehr oder weniger Gift für den Markt und seine Funktionalitäten. Denn ein künstlich am Markt gehaltenes Unternehmen schädigt die Geschäfte der wirtschaftlich tragfähigen Firmen. Und das betrifft nicht immer nur die direkten Wettbewerber. Denn wenn der Verdrängungswettbewerb durch niedrige Zinsen oder schwache Banken nachhaltig blockiert wird, bindet dies Arbeit und Kapital in Bereichen, innerhalb derer sie überhaupt nicht optimal eingebunden werden können.

„Bei der Insolvenz in Eigenverwaltung wird aus Sicht der Stakeholder der Bock zum Gärtner gemacht. Als Bindeglied mit Kompetenz und Erfahrung haben wir das durchaus verständliche Misstrauen in die Geschäftsführung schon oft in Vertrauen umwandeln können.“

 

Mit weniger Zombies gäbe es mehr Arbeitsplätze und mehr Investitionskapital

Hinzu kommt, dass die Zombies die in einer Branche vorherrschenden Preisstrukturen verzerren. Viele der scheintoten Unternehmen setzen diesbezüglich oft auf Dumping-Preise, um ihr Überleben zumindest kurzfristig zu sichern. Neue Firmen mit frischen Ideen und guter Perspektive hält dies dagegen vom Markt fern. Das Resultat daraus: Während der Zombie-Anteil weiter steigt, sinkt die Zahl neuer Wettbewerber am Markt proportional dazu. Diese Entwicklung hat auch spürbare Auswirkungen auf die Arbeitsplätze. Die OECD hat dazu errechnet, dass alleine in Deutschland 12,5 Prozent mehr Investitionskapital vorhanden wäre, wenn der Anteil an Zombie-Unternehmen auf dem Vor-Finanzkrisenniveau wäre. Außerdem ständen in Deutschland dann auch vier Prozent mehr Arbeitsplätze zur Verfügung; umgerechnet wäre dies ein Plus von nahezu 1,8 Millionen Jobs.

Kurskorrektur: Zinserhöhung durch die EZB würde Reinigungsprozess in Gang setzen

Die Kredite der Banken an die Zombies verringern dabei den Veränderungsdruck für die Unternehmen. Wenn sie so einfach Geld bekommen, bleibt der erforderliche Wille zur Optimierung bzw. zur Verbesserung schlichtweg auf der Strecke. Irgendwann weisen Firmen dann desolate Wertschöpfungsstrukturen auf und handeln nur noch unter Druck. Eine Kurskorrektur wäre daher dringend notwendig. Erhöht etwa die EZB die Zinsen, würde ein anfangs schmerzhafter, später aber ertragreicher Reinigungsprozess einsetzen. Die Zombie-Unternehmen würden zahlreich in die Insolvenz gehen und neue Unternehmen auf den Markt drängen.

Unser Anspruch ist es, die Gunst der Stunde zu nutzen und gemeinsam mit den Unternehmen gleichzeitig wichtige strategische Veränderungen einzuleiten. Das Ziel ist, Betriebe nachhaltig in die Gewinnzone zu führen, damit sie sich langfristig am Markt behaupten können.“

 

Selbstkritische Unternehmen, die Veränderungen einleiten, profitieren

Unternehmen, die sich nicht auf ihrem günstigen Kredit ausruhen, sondern die Gunst der Stunde für Umstrukturierungen nutzen, können als Gewinner aus der Niedrigzinsphase hervorgehen. In unserem Praxisalltag unterstützen wir regelmäßig kleine und mittlere Unternehmen bei einem professionellen Krisenmanagement. Dazu gehört auch die Beschaffung von Krediten, um die Liquidität sicherzustellen. Viel wichtiger ist dabei jedoch, gleichzeitig strategische Veränderungen einzuleiten, die den Betrieb mittelfristig wieder in die Gewinnzone bringen. Wenn sich diese Unternehmen im Wettbewerb wieder erfolgreich behaupten können, profitieren beide Seiten davon: das selbstkritische Unternehmen, das Veränderungen proaktiv eingeleitet hat und die Volkswirtschaft.